Quelle : S├╝ddeutsche Zeitung Mittwoch, 20. Juni 2007

 

Acht Todesf├Ąlle bei Hobby-L├Ąufen
Gefahr f├╝r B├╝rohengste
M├╝nchen − F├╝r M├╝nchen zeichnet sich ein Rekord ab: Wenn die Anmeldungen wie bisher einflie├čen, werden am Sonntag 18 000 Menschen beim Stadtlauf mitrennen. An Litfa├čs├Ąulen prangen Plakate, die zum Mitmachen anregen, die Stadt wirbt unter dem Motto "Spa├č am Laufen" um Hobby-Athleten. Dass dieser Spa├č lebensgef├Ąhrlich sein kann, ist nirgendwo vermerkt − dabei starben in diesem Jahr bei Laufveranstaltungen in Deutschland bereits acht Menschen.
Am vorigen Sonntag sahen in Augsburg eine Frau und zwei Kinder, wie ihr Familienvater im Ziel kollabierte. Der 52-J├Ąhrige hatte die Kurzstrecke ├╝ber elf Kilometer (in 1:15 Stunden) absolviert und brach zusammen. Sanit├Ąter brachten ihn sofort in ein Notfall-Zelt, ein Arzt eilte hinzu − die Reanimation blieb erfolglos. Zuvor hatte es Tote beim Silvesterlauf in Bietigheim (ein 49-J├Ąhriger), beim Halbmarathon in Berlin (39 Jahre), in Gelsenkirchen (66) und beim Inline- Skater-Rennen in Gladbeck (46) gegeben. Dann starb ein 47-J├Ąhriger im Sauerland, in Adenb├╝ttel, Niedersachsen, traf es einen 17-J├Ąhrigen. Den Berliner Sportmediziner Willi Heepe ├╝berraschen diese F├Ąlle nicht: "Die Menschheit hat sich in den vergangenen Jahren k├Ârperlich massiv zur├╝ckentwickelt."
"Der durchschnittliche Deutsche bewege sich im Schnitt nur noch 22 Minuten pro Tag, und da ist das Hin und Her in der K├╝che schon mit drin", sagt Heepe. Im Gegensatz dazu sitzen die Leute f├╝nf Stunden vor Fernseher oder Computer. Der Mangel an Bewegung wirke sich auf Dauer fatal aus. Unter anderem besteht die Gefahr, dass sich Herzkranzgef├Ą├če verengen, das Organ kann pl├Âtzliche Anstrengungen nicht mehr bew├Ąltigen − es kommt zum so genannten Sekundentod.
"Degenerierter als gedacht"
"Es sind meistens M├Ąnner im Alter zwischen 30 und 50, die sich v├Âllig unvorbereitet in einen Stadtlauf oder gar Marathon st├╝rzen", sagt Sportarzt Heepe. Das geh├Âre heute offenbar zum Leben eines Mannes wie fr├╝her das Pflanzen eines Baumes oder das Bauen eines Hauses. Heepe, der 30 Jahre lang als Rennarzt beim Berlin-Marathon arbeitete, findet diese Entwicklung bedenklich. Berliner Kollegen nahmen k├╝rzlich bei einem Stadtlauf auf halber Strecke einen Laktattest vor. Verbraucht der K├Ârper mehr Energie als er durch Sauerstoff-Zufuhr kompensiert, steigt dieser Wert an. "Dabei stellten wir mit Erschrecken fest, dass die Menschen noch degenerierter sind, als wir gedacht haben", sagt Heepe. Fast keiner nahm gen├╝gend Sauerstoff auf, fast alle ├╝beranstrengten sich.
Wilfried Kindermann, Chefmediziner des Olympiateams und der Fu├čball-Nationalauswahl, fordert angesichts der Todesf├Ąlle eine Art Gesundheitspass, vor allem bei Marathons sollten Sportler erst nach eingehender Untersuchung teilnehmen d├╝rfen. Doch die Veranstalter sehen die L├Ąufer in der Verantwortung. "Wir werden keine besonderen Vorkehrungen treffen, wir sind wie immer gut vorbereitet", k├╝ndigt ein Sprecher des M├╝nchner Laufs an. Etwa 100 Sanit├Ąter st├╝nden am Sonntag an der 21 Kilometer langen Strecke, dazu vier Not├Ąrzte und acht Stationen des Bayerischen Roten Kreuzes. Da dies aber kaum vor dem Sekundentod sch├╝tzt, sollen die L├Ąufer nun gesondert darauf hingewiesen werden, vor dem Lauf ihre Gesundheit pr├╝fen zu lassen. Und nat├╝rlich unterschreibt jeder L├Ąufer, dass er auf eigenes Risiko teilnimmt.
Willi Heepe glaubt, dass k├╝nftig noch mehr Todesf├Ąlle zu beklagen sind, "wenn nicht endlich Vernunft einkehrt". Er fordert, die Freizeitsportler besser ├╝ber die Gefahren aufzukl├Ąren. "Um einen Marathon zu laufen, muss man den K├Ârper langfristig an diese Aufgabe heranf├╝hren", sagt er. Zwei Jahre Vorbereitung seien n├Âtig, wenn einem B├╝rohengst pl├Âtzlich einfalle, er wolle nun 42 Kilometer zu Fu├č traben. Zudem sei eine umfangreiche Untersuchung beim Arzt n├Âtig, um m├Âgliche Sch├Ąden fr├╝hzeitig zu erkennen. Der Berliner Arzt ├╝brigens wird Ende September wie immer beim Berlin-Marathon mitrennen, "mit dem Blick in den Himmel und in meine Seele". Ohne Uhr, ohne Ehrgeiz, eine bestimmte Zeit zu erreichen, ohne Qual. In diesem Falle ist der Ausdauersport nach einhelliger Meinung der ├ärzte ein Segen f├╝r die Gesundheit.
Thomas Hummel

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